Mittwoch, 3. Juni 2026
Tag 14
Aix-en-Provence - Carpentras
96km 742HM
Der Himmel ist wieder wolkenlos, aber die Temperaturen sind deutlich tiefer und es braucht heute mal wieder ein Westchen zum Starten. Nach einer unruhigen Nacht in einem schmalen Bett steigen wir etwas gerädert wieder in die Pedalen.
Heute machen wir eine neue Bekanntschaft. Es ist Mistral, der Bruder von Bora, welchen wir wir letztes Jahr in Kroatien kennengelernt haben. Sie beide gehören in die Familie der Fallwinde und düsen südwärts auf die Mittelmeerküste zu. Mistral hat beschlossen, uns heute den ganzen Tag zu begleiten mit seinen teils heftigen und böigem Windstössen aus Norden. Wir kämpfen uns tapfer Richtung Norden und sind froh, dass wir heute kaum grosse und stark befahrenen Strassen haben. Aber auch in den Abschnitte hinter Hecken und kürzeren Waldabschnitten finden wir etwas Ruhe vor ihm.
An einem Fischteich können wir im Schutz einer Hecke unser Mittagessen einnehmen, während nebenan ein paar Männer am Angeln sind.
In Malmotte müssen wir den Fluss La Durance überqueren, auf der Karte lese ich Hängebrücke und ahne schon Schlimmes. Tatsächlich hängt dort eine riesige Hängebrücke die am Zerfallen ist. Gebaut wurde sie 1848 und war bis 1980 in Betrieb und gilt als besonderes Kulturdenkmal und zeugt von der Ingenieurskunst der damaligen Zeit. Heute fährt man zum Glück über die Betonbrücke die gleich daneben errichtet wurde.
Die Landschaft ist herrlich und mit vielen Kulturen, die ich noch nie gesehen habe, aber auch Obstplantagen wie Äpfel, Kirschen und Aprikosen gibt es hier.
Ein einladendes Gärtchen bei Eugenie in Lisle-sur-la-Sorgue verleitet uns zu einem Glacé-Stopp. Motiviert und gestärkt stellen wir uns den letzten 20 Kilometern und Mistral, der auf dem schnurgeraden Radweg noch mal so richtig zeigt, was er drauf hat. Langsam kommt auch der dominante Mont-Ventoux ins Blickfeld. Die Bergstrasse die auf den 1909 m hohen Berg führt, hat im Radsport eine grosse Bedeutung.
In Carpentras fahren wir gleich in die Nähe unserer Unterkunft. Es ist eine überdachte Einkaufspassage die wir vorfinden aber wie so oft folgt die Nummerierung der Häuser nicht einem bestimmten System, wenn überhaupt Nummern angebracht sind. Wir laufen an den Schuhläden rauf und runter und suchen den Eingang Nr. 58 mit dem Schlüsseltresor. Dann spricht uns eine Dame an, es ist die Vermieterin. Sie spricht zwar nur französisch und meint ihr Riecher hätte ihr gesagt, dass wir ihre Gäste sind. Irgendwie scheint sie überrascht, dass wir zwei Fahrräder haben, scheint keine Radfahrerin zu sein. Beim heruntergekommensten Eingang fängt sie an am Schlüsseltresor herumzudrehen. Den Code hatten wir vorab schon bekommen: es ist 0000 - sehr originell, aber die Frau schaut ihn vergessen zu haben und schaut sicherheitshalber noch im Handy nach. Nach gefühlt ewigem Probieren meint sie, es gäbe keine Null bei den Rädchen mit den Zahlen… Ich übernehme den Fall mit den Rädchen und gemeinsam kommen wir an die Schlüssel. Madame führt uns in ein schmales Haus mit der steilsten Wendeltreppe die ich je gesehen habe. Für ein Treppengeländer ist kein Platz, dafür gibt in der Falllinie von oben nach unten einen Strick an dem man sich festhalten könnte. Da heute keinen anderen Gäste im Haus sind, können wir die Fahrräder gleich unten bei der Eingangstüre stehen lassen. Die Wohnung im 2. Stock (!!) ist geräumig und auf den ersten Blick auch einigermassen hübsch eingerichtet. Der Ausbau eher Stil Bricolage. Entweder hatte der Maler eine Sehbehinderung oder er ist in anderen Arbeiten talentierter.
Carpentras hat zwar auch einen alten Stadtkern (logisch) hat aber wohl touristisch keine grosse Bedeutung. Es gibt viele Bars aber beim genaueren Hinsehen kaum Restaurants. Die Vorschläge die Google macht, sind nicht mehr aktuell und in der Pizzeria werden jetzt Glacé verkauft. Wir tingeln durch die Strassen und finden ein Lokal mit Speisekarte, aber offenbar gibts dort nur Mittagessen. Die Dame empfiehlt uns das gegenüberliegende „La Perle d‘Asie“ und so landen wir beim Asiaten mit thailändischen und kambodschanischen Gerichten. Anfangs sind wir sind skeptisch, denn draussen sind wir vorerst die einzigen Gäste.
Während wir wunderbar essen, kommen aber doch noch weitere Gäste und wir sind nicht unter Druck, dass sie demnächst zuschliessen wollen.
Alles in Allem ein sehr schöner Tag!
Flaschenhals
Marché
Check-out
Ginster
Fischteich
hilfe beim Check-in
nicht zu viel Wein trinken heute
schön aufgehübscht
haben wir uns verdient
alles fermé
Glück gehabt
dank der „Perle Asiens“
ehemaliges Krankenhaus, heute Bibliothek
Fahrt auf Relive